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Die Bundesbürger greifen früher zum Hörgerät




Nach Auskunft der Barmer greifen viele Menschen erst zum Hörgerät, wenn der Hörverlust schon fortgeschritten ist. Foto: Bernd Weißbrod - (c)dpa-infocom GmbH

Mainz (dpa) - Wer Hörprobleme hat, greift nach Ansicht von Experten später als nötig zum Hörgerät. Viele Menschen haben demnach Hemmschwellen, sich einen «Knopf im Ohr» zuzulegen.


Eine Schwerhörigkeit muss im Schnitt mit 60 Jahren versorgt werden, schätzt die Bundesinnung der Hörakustiker, die Interessenvertretung der Branche. Das Durchschnittsalter für die Erstversorgung lag im vergangenen Jahr aber bei 68 Jahren. Zugleich wird die Gesellschaft immer älter. Innungssprecherin Juliane Schwoch in Mainz vermutet, dass der Spiegel eine große Rolle spielt: «Gründe dafür dürften ausschließlich in der (Alters-) Eitelkeit zu suchen sein.»


Die Bundesbürger legen sich ihr erstes Hörgerät dennoch früher zu als bisher: Das Durchschnittsalter für die Erstversorgung betrug vor zehn Jahren noch 72, ist also bis 2017 im Schnitt um vier Jahre gesunken. «Mit zunehmender Miniaturisierung der Technologien dürfte der Trend zu einer frühen Versorgung in den nächsten Jahren zunehmen», schätzt die Branche. Denn die Geräte werden immer kleiner - Richtmikrofone, Bluetooth und die Energieversorgung können inzwischen in sehr kleinen Gehäusen untergebracht werden.


Die größte gesetzliche Krankenkasse, die Techniker (TK), hält Eitelkeit für einen möglichen Grund für den späten Griff zum Hörgerät. «Weitere Erkrankungen wie beispielsweise eine Depression oder Demenz können eine Rolle spielen, weshalb Betroffene der Schwerhörigkeit nicht nachgehen», sagt eine Sprecherin. Manche Betroffene reagierten bei Schwerhörigkeit ausweichend: «Radio und Fernseher können lauter gestellt werden, vielleicht ist der eine oder andere auch einmal froh, manches nicht zu hören.»


Auch die Barmer Ersatzkasse sieht Hinweise, dass viele schwerhörige Menschen erst spät einen Facharzt aufsuchen. «Ein Blick auf die Anträge von Hörgeräten zeigt, dass diese öfter bereits fortgeschrittene Hörverluste beinhalten und nur selten geringe», so ein Sprecher. Ein Grund könne sein, dass eine Hörminderung meist schleichend erfolgt. Außerdem gelte das Tragen eines Hörgerätes auch heute noch als nicht besonders attraktiv.


TK und Barmer haben über die Versorgung mit Hörgeräten einen Vertrag mit der Bundesinnung der Hörakustiker abgeschlossen. Demnach ist der Hörakustiker verpflichtet, dem Kunden mindestens ein geeignetes, aufzahlungsfreies Gerät anzubieten. Dafür übernehme die Kasse komplett die Kosten, teilte der Barmer-Sprecher mit. Es wird nur eine gesetzliche Zuzahlung von zehn Euro fällig. Wählt ein Versicherter ein aufzahlungspflichtiges Hörgerät, muss er die Mehrkosten selbst tragen - auch bei Reparaturen. Inwiefern zusätzliche Funktionen sinnvoll seien, könne die Kasse nicht beurteilen. «Ob sie ein noch besseres Hören ermöglichen, darf aber zumindest bezweifelt werden.»


Die Ausgaben der gesetzlichen Kassen für Hörhilfen lagen 2016 nach Angaben des GKV-Spitzenverbands bei knapp 938 Millionen Euro, das sind 86 Prozent mehr als fünf Jahre vorher.


Die Zahl verkaufter Hörgeräte pro Jahr in Deutschland hat sich seit 2007 praktisch verdoppelt. Waren es vor zehn Jahren noch 685.000, gingen 2017 rund 1,25 Millionen weg, berichtet die Bundesinnung.


«Wenn wir Hörsysteme anpassen, geben wir den Menschen auch einen Spiegel in die Hand», sagt Eva Keil-Becker aus Koblenz, Präsidiumsmitglied der Europäischen Union der Hörakustiker. Das Aussehen spiele selbstverständlich eine große Rolle. «Wenn die Leute zu uns kommen, ist oft das wichtigste die Kosmetik. Wenn sie dann die Technik kennenlernen, tritt dieser Aspekt aber in den Hintergrund.» Nach Beobachtungen der Hörakustikermeisterin gibt es einen gesellschaftlichen Wandel, das Hörgerät gewinne an Akzeptanz. Das liege auch daran, dass die Branche offensiver auf die Menschen zugehe.


Warum tun sich Menschen oft mit einer Brille soviel leichter als mit einem Hörgerät? «Ich denke, das hat auch etwas mit der Geschichte der beiden Hilfen zu tun», sagt Diplom-Psychologin Julia Scharnhorst. Der Vorläufer des Hörgerätes - das Hörrohr - sei sehr auffällig gewesen und wurde ausschließlich Alten und Gebrechlichen zugeordnet. «Schicke Sehhilfen, wie beispielsweise edle Zwicker, gab es dagegen immer schon, auch als Symbol der sozialen Überlegenheit», sagt Scharnhorst.


«Hörgeräte werden oft dann besonders auffällig, wenn man verzweifelt versucht, sie zu verbergen», erklärt sie und rät Schwerhörigen, selbstbewusst mit dem Handicap umzugehen. Die Psychologin rechnet damit, dass die Stigmatisierung von Hörgeräten nachlassen wird - auch, weil immer mehr Männer und Frauen eines tragen. Dass vor allem ältere Menschen oft ein Hörgerät ablehnten, liege daran, dass Schwerhörigkeit mehr als schlechtes Sehen ein Zeichen des Alterns sei.


Rund 2270 Hörakustiker-Unternehmen mit 6400 Meisterbetrieben gibt es in Deutschland. Die Branche machte nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr 1,4 Milliarden Euro Umsatz - wie 2016. Der Umsatz verteile sich damit auf mehr Betriebe. Es gebe einen Trend zur Filialisierung, aber damit verschwänden kleinere Anbieter nicht, sagt die Innungssprecherin.



Autor: Bernd Weissbrod